Fear-and-Greed-Index
Auch: Angst-und-Gier-Index, Sentiment-Index, Marktangst-Index
Der Fear-and-Greed-Index ist ein zusammengesetzter Stimmungsindikator, der auf einer Skala von 0 (extreme Angst) bis 100 (extreme Gier) misst, wie stark Furcht oder Kaufeuphorie das aktuelle Marktverhalten antreiben.
Der Fear-and-Greed-Index wurde ursprünglich von CNN Business für den US-Aktienmarkt entwickelt und misst, ob Anleger gerade von Panik oder von Euphorie getrieben werden. Das Grundprinzip geht auf das bekannte Börsenzitat von Warren Buffett zurück: „Sei ängstlich, wenn andere gierig sind – und gierig, wenn andere ängstlich sind." Für Edelmetallinvestoren ist der Index besonders aufschlussreich, weil Gold und Silber traditionell als Safe-Haven-Anlagen fungieren und in Phasen extremer Marktangst gefragt sind. Den aktuellen Stand sehen Sie auf unserer Fear-&-Greed-Seite.
Aufbau und Berechnung
Der CNN-Index für den US-Aktienmarkt setzt sich aus sieben gleichgewichteten Teilindikatoren zusammen:
| # | Teilindikator | Messgröße |
|---|---|---|
| 1 | Kursimpuls | S&P 500 vs. gleitender Durchschnitt (125 Tage) |
| 2 | Kursbreite | Verhältnis steigender zu fallenden Aktien (McClellan-Volumen-Summe) |
| 3 | Neue Hochs / Tiefs | 52-Wochen-Hochs vs. 52-Wochen-Tiefs an der NYSE |
| 4 | Put/Call-Ratio | Verhältnis von Put- zu Call-Optionen (CBOE) |
| 5 | Volatilität (VIX) | CBOE Volatility Index vs. 50-Tage-Durchschnitt |
| 6 | Safe-Haven-Nachfrage | Renditeabstand Aktien vs. Staatsanleihen |
| 7 | Junk-Bond-Nachfrage | Renditespread Hochzinsanleihen vs. Investment-Grade |
Jeder Teilindikator wird auf eine Skala von 0–100 normiert. Der Gesamtindex ist der einfache Durchschnitt aller sieben Werte:
Index = (I₁ + I₂ + I₃ + I₄ + I₅ + I₆ + I₇) / 7
Skala und Interpretation
Die fünf Zonen des Index gelten als Faustregel – sie ersetzen keine fundierte Analyse:
| Bereich | Zone | Typisches Marktverhalten |
|---|---|---|
| 0 – 24 | Extreme Angst | Massenverkäufe, Flucht in Sicherheit, Gold meist gefragt |
| 25 – 44 | Angst | Vorsicht dominiert, defensive Titel gesucht |
| 45 – 55 | Neutral | Ausgeglichenes Sentiment |
| 56 – 74 | Gier | Risikobereitschaft steigt, Wachstumstitel bevorzugt |
| 75 – 100 | Extreme Gier | Überhitzung, erhöhtes Rückschlagrisiko |
Bedeutung für Edelmetallmärkte
Der Zusammenhang zwischen Aktienmarkt-Sentiment und Edelmetallpreisen ist komplex, aber empirisch belegt:
- Extreme Angst (0–24): Anleger fliehen aus Aktien in als sicher geltende Werte. Goldpreis und Silberpreis steigen häufig, weil die physische Nachfrage und ETF-Zuflüsse zunehmen.
- Extreme Gier (75–100): Kapital strömt in Risikoanlagen. Gold verliert kurzfristig oft an Attraktivität, da Opportunitätskosten steigen – Anleger bevorzugen renditestärkere Assets.
- Übergangsphasen: Ein rascher Umschwung von Gier zu Angst – etwa in Finanzkrisen – kann Gold und Silber kurzfristig mit nach unten ziehen (Liquiditätsbedarf), bevor der Safe-Haven-Effekt greift.
Die historischen Edelmetallpreise zeigen, dass Gold in den Monaten nach extremer Angst (Index unter 20) im Durchschnitt besser abschnitt als in Phasen extremer Gier – eine Korrelation, die jedoch keine Gesetzmäßigkeit darstellt.
Crypto Fear & Greed Index
Neben dem ursprünglichen Aktienmarkt-Index existiert ein eigenständiger Crypto Fear & Greed Index (Alternative.me), der täglich für den Bitcoin- und Kryptomarkt berechnet wird. Die Eingangsgrößen unterscheiden sich deutlich:
- Volatilität (aktuell vs. 30- und 90-Tage-Durchschnitt) – Gewicht 25 %
- Marktimpuls und Handelsvolumen – Gewicht 25 %
- Social-Media-Sentiment (Twitter/X, Reddit) – Gewicht 15 %
- Dominanz von Bitcoin im Gesamtmarkt – Gewicht 10 %
- Google-Trends für Bitcoin-Suchbegriffe – Gewicht 10 %
- Umfragen (zeitweise pausiert) – Gewicht 15 %
Da Kryptowährungen deutlich volatiler sind als Aktien oder Edelmetalle, schlägt der Crypto-Index häufiger in Extrembereiche aus und ist weniger als eigenständiger Edelmetall-Indikator geeignet.
Grenzen des Indikators
Der Fear-and-Greed-Index ist ein nachlaufender bis gleichlaufender Indikator: Er beschreibt, was der Markt gerade fühlt, und ist kein zuverlässiger Frühindikator für künftige Preisentwicklungen. Weitere Einschränkungen:
- Aktienmarktbias: Der CNN-Index misst primär US-Aktienmarkt-Sentiment; Edelmetallspezifika (Zentralbanknachfrage, Minenproduktion, physische Prämien) sind nicht enthalten.
- Regionale Blindflecken: Asiatische Nachfragemuster (vor allem aus Indien und China) spiegeln sich kaum wider.
- Manipulierbarkeit: Social-Media-basierte Varianten reagieren empfindlich auf koordinierte Kampagnen.
- Keine Prognose: Extremwerte können wochenlang anhalten, bevor eine Kurskorrektur einsetzt.
Ergänzend lohnt ein Blick auf die Gold-Silber-Ratio, die ein weiteres Stimmungsbarometer für relative Nachfrageverschiebungen zwischen den beiden wichtigsten Edelmetallen darstellt.
Hinweis: Dieser Eintrag dient der sachlichen Information. Er stellt keine Anlageberatung dar. Bitte konsultieren Sie für individuelle Anlageentscheidungen einen qualifizierten Finanzberater.
Kurz gemerkt
Der Fear-and-Greed-Index fasst Marktsentiment in einer einzigen Zahl zusammen und liefert Edelmetallanlegern einen nützlichen Kontext: Extreme Angstwerte gehen historisch häufig mit erhöhter Goldnachfrage einher, während Extremgier kurzfristig Kapital aus sicheren Häfen abzieht – ein Zusammenhang, der beobachtungswürdig, aber kein verlässliches Handelssignal ist.