Anlaufen / Tarnish
Auch: Tarnish, Anlauffarben, Oxidanlauf
Anlaufen (englisch: Tarnish) bezeichnet die oberflächliche Verfärbung von Metallen durch chemische Reaktion mit Schwefelverbindungen oder Sauerstoff aus der Umgebungsluft.
Wer Silberbesteck, Silbermünzen oder Schmuck längere Zeit aufbewahrt, kennt das Phänomen: Die glänzende Oberfläche verfärbt sich zunächst gelblich, dann braun und schließlich tiefschwarz. Dieses Anlaufen (englisch: Tarnish) ist keine Korrosion im klassischen Sinne, bei der das Metall zerstört wird, sondern eine hauchdünne chemische Umwandlung der allerobersten Atomlagen.
Ursachen und Chemie
Der wichtigste Auslöser bei Silber ist Schwefelwasserstoff (H₂S), ein farbloses Spurengas, das aus Gummi, Wolle, Eiern, Abgasen und sogar aus der menschlichen Haut freigesetzt wird. Schon Konzentrationen im Bereich weniger Teile pro Milliarde (ppb) reichen aus, um eine Reaktion auszulösen:
4 Ag + 2 H₂S + O₂ → 2 Ag₂S + 2 H₂O
Das entstehende Silbersulfid (Ag₂S) ist elektrisch leitfähig, haftet fest und wächst als selbstlimitierende Schutzschicht. Parallel kann Sauerstoff allein eine dünne Ag₂O-Schicht bilden, die jedoch weniger farbintensiv ist. Carbonyl-Sulfid (COS) und Schwefeldioxid (SO₂) aus städtischer Luft beschleunigen den Prozess zusätzlich.
Welche Metalle laufen an – und welche nicht?
| Metall | Anlaufneigung | Hauptprodukt |
|---|---|---|
| Silber (Ag) | sehr hoch | Ag₂S (schwarz) |
| Kupfer (Cu) | hoch | Cu₂O/CuO (rotbraun), grüne Patina (basisches Kupfercarbonat) |
| 925er Sterlingsilber | hoch (Cu-Anteil beschleunigt) | Ag₂S + Cu₂O |
| Weißgold (Ni-haltig) | mittel | NiO, Abrieb der Rhodiumbeschichtung |
| Palladium (Pd) | sehr gering | – |
| Platin (Pt) | praktisch null | – |
| Gold 999 | null | – |
Reines Gold läuft aufgrund seines hohen Standardpotenzials (+1,50 V vs. NHE) chemisch nicht an. Legierungen wie 333er oder 585er Gold können jedoch durch die enthaltenen Basismetalle (Kupfer, Silber) leicht anlaufen.
Einfluss auf Sammlerwert und Münzprüfung
Bei Anlage- und Sammlermünzen ist der Anlaufgrad für den Wert entscheidend. Numismatiker unterscheiden:
- Originaltoning – gleichmäßiger, alterstypischer Anlauf, der bei Sammlern teils erwünscht ist und Echtheit belegt.
- Fleckiger oder aggressiver Anlauf – vermindert den Zustandsgrad (Grading) erheblich.
- Gereinigt – maschinell oder chemisch entfernter Anlauf hinterlässt Kratzer und wertet Münzen dauerhaft ab.
Für die Münzen-Echtheitsprüfung ist Anlauf ein wichtiges Indiz: Wolfram-Fälschungen mit Goldüberzug zeigen oft untypische Anlaufmuster an Rändern und Prägekanten.
Schutz und Entfernung
Schutzmaßnahmen:
- Luftdichte Aufbewahrung (Kapseln, vakuumverschlossene Coin-Bags)
- Trocknungsmittel (Silicagel) und schwefelabsorbierende Streifen (Pacific Silvercloth)
- Keine Lagerung neben Gummi, Wolle oder Eiern
- Handschuhe beim Anfassen (Fingerabdrücke = Fettsäuren + Salz)
Entfernung ist bei Anlagemünzen grundsätzlich abzuraten. Bei Gebrauchssilber eignet sich elektrochemisches Reinigen mit Aluminiumfolie, Backpulver und heißem Wasser: Das Aluminium fungiert als Opferanode und reduziert Ag₂S galvanisch zurück zu metallischem Silber – ohne Materialabtrag. Polierpaste hingegen trägt stets etwas Metall ab.
Wer den Silberwert angelaufener Objekte berechnen möchte: Der Schmelzwert bleibt vom Anlauf vollständig unberührt, da die Sulfidschicht extrem dünn ist und beim Einschmelzen oxidiert wird.
Kurz gemerkt
Anlaufen ist eine unvermeidliche, aber oberflächliche chemische Reaktion – hauptsächlich bei Silber durch Schwefelverbindungen in der Luft ausgelöst. Für Anlagebarren und Bullionmünzen hat es keinen Einfluss auf den Metallwert; für numismatische Sammlerstücke kann es jedoch den Handelswert deutlich beeinflussen.